Eine unbekannte Nummer ruft an, ich hebe ab und am anderen Ende der Leitung ist Fatoni, der sich nicht erst seit seinem neuesten Release in die Gehörgänge begeisterter Fans gerappt hat. Er ist der von dem Video mit Edgar Wasser, oder der von Moop Mama, bzw. der von Creme Fresh. Und seit einigen Wochen dropt er Video für Video – man kommt also als Deutschrap-Fan nicht um ihn herum. Wir haben uns verabredet um über sein und Dexters Album „Yo, Picasso“ zu sprechen.

Jens: Wie fühlst du dich so kurz nach dem Release? Findest du ein bisschen Ruhe oder bist du total überladen angesichts der Tour mit Fettes Brot?

Fatoni: Es ist gut, dass es draußen ist – auf jeden Fall. Es war sehr stressig vor dem Release. Aber Tour ist jetzt auch nicht Urlaub, sag ich mal. Es ist sehr geil alles. Ich freu mich aber, wenn ich nächstes Jahr in Urlaub fahre.

Jens: Bist du zufrieden?

Fatoni: Von mir aus kann ich nicht sagen, dass ich was anders gemacht haben sollte. Vielleicht einige Interviewfragen nicht beantworten aber… Ich hab so viele Interviews wie noch nie zuvor und das ist was, wo man sich danach denkt: „Ne…“, aber ich guck mir die meisten auch nicht an.

Jens: Das ist mein erstes Interview…

Fatoni: Hehe. Geil. Alles gut!

Jens: Also zu den Beats: Dexter am Mischer. Ein richtig großes Ding! Sind die Beats extra für dich gemacht worden, oder hast du da aus seinem Fundus gepickt? Den Beat von „ADHS“ konnte man ja schon beim DJ Battle Dexter vs. Shuko hören.

Fatoni: Der hat mir Sachen geschickt und hat dabei nicht speziell an mich gedacht. Der macht einfach Beats. Es war nicht so, als hätte ich gesagt „Benutz‘ bitte dieses Sample“ oder so. Der ist stur und der Produzent. Wir haben zusammen arrangiert und ich bin oft hingefahren um nicht nur die Beats zu hören, die er mir schickt. Ich glaube, dass der Unterschied zu den meisten anderen Rappern ist, dass ich Zugang zu allen Beats hatte.

Jens: Deshalb kannst du dann vielleicht auch sagen, dass du Cro und Casper Beats vor der Nase wegpickst?

Fatoni: Das ist ja nur Quatsch.

Jens: Bei „Schlechter Mensch“ ist mir aufgefallen, wie ambivalent du dich gibst. Man weiß um seine Fehler aber man gibt anderen die Schuld für Dinge. Stört dich das?

Fatoni: Also ja klar stört mich das. Wer ist schon der, der er gern wäre?

Jens: Du machst die Musik natürlich für dich, aber machst du dich auch von deinen Fans und deren Erwartungen abhängig? Ist das eine Form der Reflexion und der Therapie?

Fatoni: Also „Musik ist Therapie“ ist natürlich voll die Phrase, aber ein Stück ist da bestimmt dran. Ich glaube Selbstreflexion ist eine Grundvoraussetzung für das, was ich mache. Aber das ist danach, nur weil man es gesagt hat, nicht automatisch besser. Vielleicht fühlt man sich ein bisschen besser, aber man ist dann eigentlich kein anderer. Genau, darum geht’s ja in dem Song.

Jens: Ist deine Mukke exklusiv oder willst du, dass sie auch bei der breiten Masse ankommt?

Fatoni: Das ist eine Frage, die sich wahrscheinlich alle Leute stellen müssen. Ich bin da, wie bei allen Sachen, ambivalent. Ich merk` jetzt schon, während ich mit Fettes Brot auf Tour bin, dass ich gar nicht richtig Mainstream sein kann und will. Ich will nicht die richtigen Mainstream-Leute im Publikum, weil es einfach nicht mein Ding ist und das interessiert mich nicht. Das soll nicht arrogant sein. Natürlich so ganz krass Avantgarde ist auch schwierig. Man lebt entweder von Musik oder nicht. Es wird sich zeigen, wie lange das geht und ob’s überhaupt geht. Im Moment geht’s und dann kommt die Frage „Wie viele Kompromisse will ich machen? Was macht man da eigentlich? Was will ich machen?“. Dann fängt man an sich selber einzureden, dass das voll geil ist, was man macht, dabei ist es dann eigentlich doch nur zielgruppenorientierter Schmutz wie bei anderen Leuten. Ich hab natürlich meine eigenen kleinen Kompromisse. Hab‘ schon Songs wo ich denke „Ja, der könnte schon bei ein paar mehr Leuten funktionieren“. Es gibt aber nichts, was ich gemacht habe, was ich damals direkt oder jetzt scheiße finde oder mich für schäme. Wie gesagt: manche Sachen funktionieren besser aber da steh ich dann auch voll hinter. Ich sag immer, dass ich den Leuten Message in den Rücken stecken will, das ist ’ne alte Maeckes-Zeile. Oder auch beim Konzept von K.I.Z, weißte? Dass die dann Vengaboys covern, aber ’nen Song daraus machen, der krasse Inhalte und eine Haltung hat. Da machen sie ’nen richtig ekligen Refrain, also geschmacklich-musikalisch gesagt. Voll geil! So ganz stumpfe Musik werde ich wahrscheinlich nie machen, bei der Beat und Text auf jeder Ebene stumpf sind, wie bei anderen Leuten.

Jens: Teilweise benutzt du Klischees, an anderer Stelle aber kommen diese auch wirklich glaubhaft rüber. Hindert uns unsere Dummheit und Faulheit daran bessere Menschen zu sein?

Fatoni: Ja, auf jeden Fall, oder? Die Frage hast du dir gerade selbst beantwortet. Du musst immer „W“-Fragen stellen! Sonst kann ich einfach nur „Ja!“ sagen (Gelächter), aber ja. Ja, klar. Also worauf die Menschheit so zusteuert… da will ich jetzt gar nicht drauf eingehen.

Jens: Du hast vor zwei Wochen „32 Grad“ rausgebracht und ich hab woanders gelesen, dass du den Text schon vor 1,5 Jahren geschrieben hast. Wie hat sich der Videodreh angefühlt?

Fatoni: Ja, das war schon sehr anstrengend und ätzend! Aber über die Tage wurde es immer alltäglicher.

Jens: Angesichts solcher Vorbilder wie Mike Skinner von the Streets kann Rap ja motivierend oder demotivierend sein. Bist du jemand der daran kränkelt, wenn er zu viel Input bekommt?

Fatoni: Ne, ich glaube Input ist immer gut! Ohne Input kein Output. Input ist da ein sehr allgemeiner Begriff. Input ist schon gut, ob andere Kunst, Menschen und ihr Verhalten. Das sind so die zwei großen Inputs.

Jens: „Computer and Blues“, also die neueren Sachen feiern wir beide nicht so sehr.

Fatoni: Hehe, das ist lustig. Die neuen Sachen sind schon 5 Jahre alt. Das hab ich nie so viel gehört. Ich hab aufgehört nach „Everything is borrowed“ und dann wieder bei dem Album angefangen, vor zwei Jahren oder so. Seitdem hab ich die Platte krass oft gehört. Das ist echt geil. Aber die ersten zwei Alben sind echt unglaublich gut. Aber „Everything is borrowed“ hab ich damals krass unterschätzt. Voll die geile Platte!

Jens: Hat wahrscheinlich auch wieder mit der Erwartungshaltung zu tun. Es klingt halt nicht wie die älteren Sachen.

Fatoni: Ja, das ist ja immer so. Fans sind da unerbittlich. Man will nicht, dass es genauso klingt wie die ersten aber will auch nicht, dass es ganz anders klingt. Der hat damals ja schon viel gesungen und das hat mich abgetörnt.

Jens: „Schauspielführer“ hat mich an „Kreis“ erinnert. Stehen die Tracks in einem Zusammenhang?

Fatoni: Wieso hat dich das daran erinnert?

Jens: Du sprichst in beiden Tracks davon, dass Verhaltensmuster wiederholt auftauchen; das mit dem Rauchen zum Beispiel: Man hört auf, fängt wieder an, hört wieder auf.

Fatoni: Ja, krass! Krasse Assoziation von dir, weil ich finde, dass die Songs nichts mit einander zu tun haben aber natürlich lyrisch doch irgendwo. Schauspielführer ist echt der älteste Song von den Sachen. Die ersten 8 Takte von dem Song hab ich vor so vielen Jahren geschrieben, dass es peinlich ist, das zu sagen. Irgendwie hab ich ihn aber immer im Kopf behalten und irgendwann hab ich’s genutzt. Aber es ist wahrscheinlich ein Schreibschema von mir,  auf jeden Fall. Das ist ja eh bei vielen Leuten so, dass die sich vom Takt oder Refrain ähnlich sind.

Jens: Du sprichst von Mike Skinner, samplest NMZS und trägst in deinen Videos Beatles- und Queen-Shirts. Glaubst du, dass deine Musik, oder dein Ansatz, deinen Idolen gefallen würde?

Fatoni: Das ist schwierig bei dem Beispiel. Weil ich glaube, dass deutscher Rap sehr limitiert ist. Deutscher Rap ist halt deutscher Rap. Ich arbeite daran, und das tun viele, dass sich das ändert, aber es ist nicht international und wird’s auch nie sein. Es hat einfach seine Grenzen. Obwohl ich eigentlich so weit wie möglich weg will von deutschem Rap und trotzdem deutschen Rap mach. Freddie Mercury würde wahrscheinlich… vielleicht die Dexter-Beats feiern, aber es geht so unglaublich viel um Inhalt.

Jens: Ich hab mich darüber gefreut, dass bei „ICE Abteil“ im Intro der Schaffner den Namen meiner Heimatstadt, Stolberg, sagt…

Fatoni: Ja, geil!

Jens: Fühlst du dich auf der Flucht, wenn du im Zug unterwegs bist? Dass man immer nur in Etappen denkt und nirgendwo so richtig ankommt?

Fatoni: Auf jeden Fall. Geil! In einem gewissen Alter ist das cool und mir macht’s auch Spaß. Ich halt auch mein Zuhause in erster Linie nur aus, weil ich viel unterwegs bin. Es ist schon wichtig für mich unterwegs zu sein.

Jens: Bist du dabei eher der verschlossene, der sich mit Kopfhörern  hinterm Laptop versteckt oder sprichst du auch mit Leuten?

Fatoni: Boah, echt selten. Ich rede in der Regel im Zug nicht mit Leuten. Ich weiß nicht; das kann schon geil sein aber wenn man in ’nem 6er Abteil sitzen muss, und da kommen dann so alte Leute die immer reden – manchmal ist das dann voll cool – aber in der Regel hab ich da keinen Bock drauf. Ich find auch Mitfahrgelegenheitsgespräche ganz schlimm. Manchmal ist es eben voll cool. Ich mach das aber heute nicht mehr, denn oft sind das so behinderte und oberflächliche Gespräche wo man dann sagen muss, was man macht. „Oh! Alle haben normale Jobs und dann muss man darüber reden“.

Jens: Wie in dem Outro, wo der Taxifahrer sagt „Oh, du machst HipHop. Das ist ja jetzt in.“ Soziale Normen und so…

Fatoni: Ja, klar natürlich. Hab auch schon überlegt, ob ich dann andere Sachen sage oder irgendwas Langweiliges.

Jens: Kannst du schon sagen, wer dich auf deiner Tour begleiten wird?

Fatoni: Also DJ V.Raeter ist mein DJ. Krass, dass du das jetzt schon fragst.

Jens: Ich frage, weil ich erhofft hatte, dass Edgar Wasser mit auf der Platte und dann vielleicht mit auf Tour ist.

Fatoni: Ich kann auf jeden Fall was dazu sagen. Aber ich überlege gerade wie klug das ist, weil die ganzen anderen das immer lange geheim gehalten haben und ich weiß eigentlich auch nicht genau warum, aber es war jedes Mal so. Dann hab ich mir gedacht: „Das ist vielleicht ein kluger Businessmove“. Juse Ju nehme ich auf jeden Fall mit.

Fatoni: Den dürften ja viele kennen.

Fatoni: Ja, hoffe ich auch. Also vielleicht jetzt noch nicht so viele, aber wir sind auf jeden Fall sehr, sehr gute Freunde. Ich bin ein großer Fan und freue mich, dass er mitkommt.

Jens: Ihr seid untereinander alle gut connected, oder? Als Fan hat man das Gefühl, dass man vor so einer Art Familie steht, wenn man Leute wie dich, Dexter und die WSP-Leute kennenlernt.

Fatoni: Ich weiß was du meinst. Ich sehe mich gut connected, aber das hat mit WSP jetzt nicht so viel zu tun. WSP ist jetzt nicht meine Überheimat oder so. Da bin ich jetzt mit der Platte aber die kenn ich ja alle schon voll lange und die sind cool. Ich bin schon länger dabei als viele jüngere Rapper und bin ein geselliger Typ.

Jens: Das war irgendwie ein merkwürdiges Interview…

Fatoni: Ja, sorry. Ich hab zu viele Interviews gegeben (lacht)!

Jens: Glückwunsch jedenfalls zu dem Album. Das ist saustark! Das war’s auch schon! Danke dir.

Fatoni: Ja hey! Vielen Dank! Voll cool! Wo kommst du auf Tour vorbei? Dann können wir ja noch mal…