Auf dem selbstbetitelten Debüt-Album von OK KID aus dem Jahr 2013 hieß es noch OK KID, kurz vorm Hit links abgebogen“. Anno 2016 und auf dem Nachfolger „Zwei“ sieht das alles schon hitlastiger aus. Dass das nicht unbedingt in Stumpfheit enden muss, zeigte schon die Vorab-Single „Gute Menschen“, in der deutsche Doppelmoral auseinander genommen wird.

„Was, was homophob? – Nein, nein, nein / Sie sind da für kranke Menschen, auch Schwule kann man heilen“

Und auch wenn soundtechnisch die Genrezugehörigkeit der Kölner eigentlich schon immer unklar war, so muss man angesichts von Zeilen wie „Selbst der Mettigel lacht in ihre Hackfresse“ zugeben, dass die Boys ein Faible für Spielereien mit der deutschen Sprache und offensichtlich lyrisches Talent haben. Dass sie sich diesem Deutschrap zumindest zugehörig fühlen, betonen sie dann auch in „Blüte dieser Zeit“, wo sie von ihren ersten 16 Bars erzählen. Gleichzeitig heißt es auf dem Track „Dieser Junge ist nicht Tocotronic“, womit OK KID sich von den Indierockern der Hamburger Schule abgrenzen, mit denen sie immer wieder gerne verglichen werden. Inkonsequenterweise ist „U-Bahnstation“ mit Frank Spilker, dem Frontmann der Sterne, einer der hübschesten Tracks des Albums, weil er den flatterhaften Stehgreif-Eindruck, der bei den Sternen oft entsteht, übernimmt. Doch auch Jonas Parts atmen verspielte Tocotronchaftigkeit:

„Du warst schon lang nicht mehr bei dir / Du warst schon lange nicht mehr da, wo du hingehörst / Wo niemand will, dass du so aussiehst, wie die Menschen, die nichts erwarten / Außer Wagen Nummer Drei“

Vielleicht darf man ja für das nächste Album ein widerwilliges Dirk von Lotzow-Feature erträumen. Gut passen würde es.

Eine weitere schöne Idee im OK KID-Kosmos ist die stetige Weiterentwicklung der „Kaffee warm“-Reihe, wobei sich diese auf „Zwei“ schlussendlich in zwei entgegen gesetzte Erzählstränge aufteilt. „Es ist wieder Februar“ schlägt recht unnachvollziehbar aus der Reihe, da der Februar plötzlich als willkommener, wenn auch hässlicher Freund auftritt. Soweit okay, wäre da nicht die instrumentale Untermalung aus zu vielen Harmonien und sogar angedeuteten Streichern. Too much Pathos, too much Popzucker. Im Gegenteil dazu ist „Kaffee warm 3“ einer der besten Tracks des Albums. Vielleicht auch, weil es den direkten Gegensatz zu „Gute Menschen“ darstellt, nämlich den absoluten Rückzug ins Private und ins Schneckenhaus. In beiden Fällen kommt eine extreme Sprechposition zum Tragen, in der OK KIDs Lyrics offensichtlich am anschlussfähigsten sind.

Juse Ju rappte einmal „Wie wärs, ich werde wie OK KID? Erfülle optisch-musikalisch alles, was schon da ist“ und ja, OK KID sind nicht gerade eine Revolution, wobei „Gute Menschen“ ihnen sicher auch bei Juse einen Bonuspunkt bringen sollte. Der Trick ist wohl aber, dass sie bekannte Elemente neu und ästhetisch einfach recht schön kombinieren. Das macht besonders die zweite CD der Fan-Edition mit Remixen und Neubearbeitungen der bestehenden Songs deutlich: Der Sound bricht die Cloud immer wieder auf und flieht in Richtung Chimes oder sogar zu leicht anstrengenden Death Grips-Anleihen. Darüber hinaus muss man OK KID auf ihrem zweiten Album definitiv ihre straighte Haltung den „Wir sind wieder wer“-Rufern und Wutbürgern aller Couleur gegenüber zu Gute halten: Nicht nur „Gute Menschen“ greift rassistische Doppelmoral an, auf dem ganzen Album findet man immer wieder Seitenhiebe auf die Konstruktion „Deutsche Nation“ oder die ignorante Haltung der Smartphone-Generation gegenüber der Tatsache, dass sie dieses Smartphone auf Kosten Anderer besitzen.