Im Allgemeinen krankt der Musikjournalismus immer an der Unmöglichkeit die Gefühlswelt, die beim Musikhören entsteht, greifbar zu machen. Im Speziellen war es nie so schwer, ein Album zu verschriftlichen, das gleichzeitig so abstrakt und konkret ist, wie Prezidents neuester Wurf „Limbus“.

Schon der Opener von Prezis mittlerweile 16. Release macht klar, dass weder der Weg durch den Limbus noch die Lines, die dem Eintreffenden von düsteren, aber niemals bösartigen Gestalten am Wegesrand zugeflüstert werden, leicht zu verkraften sein werden. „Der ewige Ikea“ eröffnet eine für den Durchschnittstyp unbekannte Metaphysik, in der im Jenseits neben Himmel und Hölle die Möglichkeit des Limbus besteht. Paradoxer- und doch auch konsequenterweise begegnen dem Zuhörer hier sehr alltägliche Phänomene wie Selfies schießende Touristen, die im Limbus zu grotesken Ungeheuern werden.

„Ein paar ohne Köpfe, ohne Arme, nur noch Smartphone / Beine, Torso, Hals, Handy / Und debile Smileys schweben wie Ballons über der Menge“

Dass Prezident sich neuerdings zu Erklärungen seiner Gedankenschleifen berufen fühlt, ist da vielleicht gar keine schlechte Idee. „Der ewige Ikea“ zeugt aber auch von einer neuen Qualität an Kompromisslosigkeit, mit der Prezident Musik macht. Ein Album mit achtmaliger Wiederholung ein- und derselben Line einzuläuten ist zumindest mutig. Wenn man dann immer häufiger auf Songstrukturen verzichtet, kann man wohl getrost von Starrsinn reden.

„Keine Hooks, die ganze Themen nochmal kurz gefasst erklären / alles wird zusammengehalten und verdichtet durch den Druck der Atmosphäre“

Starrsinnig sind auch die Representer-Tracks auf Prezidents zweitem Album. Da wird wieder die Geschichte vom ewig währenden Untergrund erzählt und man hat beispielsweise bei „Doktor Eisenstirn / Kaffee hilft“ das Gefühl, das alles schon einmal so ähnlich gehört zu haben (man denke an „Chancenverwertung“). Im Gegensatz dazu kommt „Fressfeind“ mit einem bedrohlich-düsteren Beat aus der Feder Jay Baez und einer gehörigen Portion Ekel gegen „die fünf Elemente des HipHop: YouTube-Ansagen, Tumblr-Blog, Instagram, Facebook und Twitter“ vorbei und zerlegt lockereasy beinah ganz Deutschrap. Selbstgefälligkeit steht dem Wuppertaler eben doch nicht in jedem Fall gut.

Absztrakkt als einer von zwei Featuregästen ist definitiv der überraschendere und dass das seinen guten Grund hat, zeigt „Feiern wie sie fallen“ mit den Kamikazes sehr plakativ. Die tapsenden und flüsternden Lyrics der Brüder schaffen es immer wieder, den Hörer im Innersten seiner sorgfältig verschlossenen Herzkammern zu treffen. Nicht zuletzt der schöne Kontrast zwischen Prezis frostigem Vortrag und dem kuscheligen Unwohlsein, das die Kamikazes hervorrufen, macht die beiden mittlerweile zum Standardinventar.

„Limbus“ weicht, wie gewohnt, keinen Zentimeter von der eiskalten und düsteren Stimmung ab, die Prezi so liebevoll zu verbreiten versteht. Es geht um das verträumte in Wunden stochern, absichtlich zu riskante, zu schnelle Überholmanöver fahren und durchgefroren und halb aufgelöst im mittlerweile kalten Badewasser aufwachen. Als langjähriger Prezident-Jünger muss man feststellen, dass sich das Album thematisch nur nuancenweise vom Vorgänger „Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte“ unterscheidet. Nichtsdestotrotz haut Prezident innerhalb dieser typischen Nabelschau wie im Vorbeigehen einige der besten Tracks seiner Diskographie raus. Eine tatsächliche Überraschung auf „Limbus“ ist ein Paradoxon, das neu im Schaffen des Whiskeyrappers ist: Seit zig Jahren bestimmt Realness und Konsequenz sein Tun und nun gibt es iTunes-Bonustracks? Man kann ihm das zwar nicht wirklich übel nehmen, ein offenes Fragezeichen bleibt trotzdem stehen.