Wir schreiben das Frühjahr 2016 und schon wieder wird im Deutschrap über Realness und Fakeness gestritten. Obwohl der Kern der Diskussion diskutierwürdig ist, sind die Argumente auf beiden Seiten meist vulgärer Natur. Mit diesen und weiteren Streitigkeiten möchten Retrogott und Hulk Hodn nichts zu tun haben und begeben sich in „Sezession“; sie spalten sich also ab. Aber wovon? Der Gesellschaft, der HipHop-Szene oder gleich von beidem?

Rap ist in unseren Zeiten ausdifferenziert wie nie. Für jeden ist was dabei, gerade weil Rapper regelmäßig versuchen sich neu zu erfinden um damit aktuell zu bleiben. Das haben die zwei Kölner nicht nötig. Wie vor 10 Jahren werden alte Beats geloopt, Scratches drüber gepackt und auf Reimschemata geschissen. Und auch sie wissen, dass das jetzt wieder in ist. Aber anstatt sich ein ganzes Album lang drüber auszulassen werden schon zu Anfang der Platte die Verhältnisse geklärt:

„MC’s wollen was ich mache versuchen. Es ist wieder cool alte Platten zu loopen. […] und rappe in der Zukunft immer noch darüber, dass alle noch wacker sind als früher“

Das ist alles noch verständlich und einleuchtend, aber dann wird es immer komplexer und somit zumindest ein wenig unverständlicher denn die Platte hat mehr doppelte Böden als Zauberhüte. Man hört dem Retrogott zu und denkt nach, rätselt über seine Lines und hofft, dass man am Ende alles gerafft hat. Ich zumindest habe das nicht, deswegen fühle ich mich jetzt schon bei „Serviervorschlag“ zu dumm für die Platte. Dieses Gefühl hält an.

Klar weiß ich, was der Retrogott mir sagen möchte: er ist nicht Teil des großen Ganzen, oder wenn doch, ist er zumindest die kritische Stimme in einem Haufen anteilnahmsloser Schafe. Die Platte wirkt sehr verkopft. Im Gegensatz zu „Unprofessionelle Musik“ von 2005 klingt der Rap nicht mehr so leichtfüßig und unbefangen. Dies deutete sich schon auf „Fresh und umbenannt“ von 2013 an.

„Gottes Söhne aller Ethnien streicheln ihre Bestien. Sie haben Ahnung von Erziehung. Woher kommt all das Leid? Der Zahnarzt der Zeit sucht die Wahrheit im Zahnbelag der Mundtoten und behandelt die Wurzeln nur in Fußnoten.“

Ok, Rap braucht kein Abitur. Aber zum Entschlüsseln dieser Lines müsste man dann vielleicht doch das ein oder andere Rhetorik-Seminar besuchen. Die Metaphorik vieler Lines lässt viel Raum zur Interpretation. Bei „Rezepte“ spricht er es selber an:

„Deutscher Rap ist gleichzeitig dumm und verkopft. Die Musikindustrie hat ihr Unkraut umgetopft.“

Die Beat-Auswahl passt auf Albumlänge voll aufs Ohr und da bleiben sich der Retrogott und der Hodini treu. Mal mehr, mal weniger gut gelaunt wird auf unterschiedliche aber durchweg relaxte Beats geflowt. Dazu klingt der Sound – wie der Name vermuten lässt – retro, ohne an Sound-Qualität einzubüßen.

Peu à peu jeden einzelnen Song zu analysieren möchte ich euch überlassen, da sicherlich auch meine Erwartungshaltung diesbezüglich krankt. Bin ich also enttäuscht ob der fehlenden lyrischen Laid-backness des Albums? Trotz seidenweicher Beats und einer guten Produktion: Ja. Aber wie der Retrogott schon vor Jahren in einem denkwürdigen Interview zu Falk sagte: „Die Enttäuschung ist das Ende einer Täuschung.“ Also bin ich der Wahrheit jetzt näher gekommen und weiß, dass der Retrogott und Hulk Hodn keine Platten à la 2005 mehr machen. Das tröstet mich wenig. Trotzdem höre ich die Platte gerne.