Anno 2016: Was ist Real? Die Kontrahenten mögen sich verändert, Austragungsart und -ort sich verlagert haben, und doch sind die Lager bezüglich Deutschraps ureigener Streitfrage gespaltener denn je. Dass zwei Rapper mit unterschiedlichen Meinungen aneinander rasseln, dass dabei Mütter gefickt und Enemies geshootet werden, dass besagter Konflikt oft auf dem Rücken diverser Internetlarrys ausgetragen wird, alles nichts Neues. Auch dass mit Kollegah und Fler, den aktuellen Protagonisten der unendlichen Geschichte, zwei grundverschiedene Interpretationen ein und derselben Musikrichtung aufeinander treffen hat es so schon gegeben. Dabei wird nach wie vor übersehen, dass sich unser aller Lieblingsmucke immer auch durch ihre Vielfalt vom whacken Einheitsbrei abgehoben hat. Alles nichts Neues also.

Warum ich mich zu Beginn meiner Rezension zum neuen Ufo361 Release „Ich bin ein Berliner“ damit befasse, hat einen einfachen Grund. Endlich haben all die Toys aufgehört rumzuheulen, Trap sei der (neue) Untergang Deutschraps, um sich mit voller Aufmerksamkeit eingangs erwähnter Frage widmen zu können.

Drei Dinge vorweg: Ufo macht Trap. Ufo ist real. Und er ist (Spoiler) ein Berliner. Wer das nach den bisher veröffentlichten Video-Auskopplungen noch nicht verstanden hat, sollte spätestens nach dem ersten Durchhören endlich auch erleuchtet sein. Auch bei Ufo sind ein paar Dinge noch beim Alten. Nach wie vor wird representet, pointiert und ignorant geflowt und das Weed schneller weggeraucht, als die Mainbitch mit dem Rollen nachkommt.

Das macht Spaß, vor allem, wenn man selbst in der Hot Box sitzend mit Gangsigns um sich wirft. Wo er hin will macht Ufo relativ schnell klar: Hier werden keine zu Tränen rührenden Geschichten von der Straße erzählt. Hier wird mit Grillz in der Fresse, Tortellini Augen und Ginflasche in der Hand am Kotti gechillt.

Und das hat Kalkül. Das gesamte Sound-Bild des Mixtapes ist darauf ausgelegt, deinen Lieblingsclub zu zerlegen. Drückende Bässe, rollende Snares und Hi-Hats: kurzum hier wird alles geliefert, was heutzutage unter ominösen Begriffen wie „Cloud Rap“ versucht wird zusammen zu fassen. Schon auf „Ihr Seid Nicht Allein“, dem Vorgängerrelease von 2014 waren der eine oder andere trappige Song platziert. Wie die vorab veröffentlichten Video-Singles schon vermuten lassen, geht „Ich bin ein Berliner“ diesen Weg noch weiter. Ufo361 gönnt sich genügend Zeit und Raum, um ausführlich klar zu machen, was Sache ist. Über mal düster rollende, mal knarzig dröhnende Beats widmet er sich fast ausnahmslos der Liebe zu seiner Heimatstadt.

„Scheine in lila, ja ich bleibe ein Dealer / Und schrei’ aus dem Beamer: Ich bin ein Berliner!“

Und genau hier liegt auch der einzige größere Kritikpunkt. Denn obwohl die Instrumentals ohne Ausnahme knallen, schleicht sich bei mir im letzten Drittel das Gefühl ein, das einen oder andere Lied vor ein paar Anspielstationen schon einmal so ähnlich gehört zu haben. Das mag man rigoros nennen, da aber die Anzahl der Tracks mit 14 doch recht überschaubar gehalten wurde, kommt bei mir Langeweile auf. Auch was die Hochwertigkeit der Produktionen angeht, ist die gesamte Klangästhetik viel zu detailverliebt, um zu wirken, als sei sie am Reißbrett entworfen worden. Dass beim geneigten Zuhörer dabei durchaus mal Assoziationen zu den großen Kollegen aus den Staaten aufkommen, ist Ufo durchaus bewusst.

„Mein Flow ist so Future, Leute sagen mach Feature mit Future“

Ob das tatsächlich so ist, mag jeder für sich selbst entscheiden. Gezielter Autotune-Einsatz, trippy Adlibs und genölte Hooks, all das hat er nicht erfunden. Dennoch weiß Ufo das ganze individuell umzusetzen und in teilweise herrlich arroganten Lines zu verpacken und so wird sich mal laid back verkifft, mal in Kopf-durch-deinen-Häuserblock-Manier durch das 14 Tracks umfassende Mixtape geflowt.

Außer dem Protagonisten wissen auch die ausgewählten, mit hochwertigen Gästen besetzten Featureparts zu überzeugen. Wie U.F.O. himself frönen Sido, Celo und Abdi und Konsorten vor allem dem Lokalpatriotismus. Neben dem bereits ausgekoppelten „Blnffm“ lässt vor allem Bonez MC auf dem 36187-Gipfeltreffen „Bleib auf dem Teppich“ keine Zweifel daran aufkommen, wo seine Hood ist.

Dadurch ist „Ich bin ein Berliner“ vor allem eins: Konsequent. In all seiner durchkonzeptionierten Radikalität beweist Ufo361, dass er mit seinem neuem Werk durchaus den Anspruch stellen darf, neben Leuten mit vergleichbaren Interpretationsansätzen, wie Mauli oder Nimo, zu stehen.

Obwohl es durchaus auch Tracks gibt, die mich nicht komplett abholen, gefällt mir Ufos jüngster Wurf. Wie lang dessen musikalische Halbwertzeit bei dem aktuellen Großaufgebot an jungen, interessanten Künstlern ist, weiß ich nicht. Bis es soweit ist rolle ich weiter mit Ufo durch die Hood und gucke zu, wie zwei erwachsene Männer Legionen tippwütiger Halbstarker mobilisieren, sich online über Musikgeschmack zu zerfleischen. Darüber lässt sich nämlich hervorragend streiten.

Ich bin ein Berliner!